Die Bürgerwehr Reichenau

Die Bürgermusik Reichenau ist einer von 3 Teilen der Reichenauer Bürgerwehr, die sich weiterhin noch in die Teile Wehr und Spielmannszug gliedert.

Die historische Bürgerwehr Reichenau kann auf eine beinahe 900 Jahre alte Tradition zurück blicken. Der erste urkundliche Beweis für das Bestehen der Bürgerwehr Insel Reichenau geht auf das Jahr 1108 zurück. Das Kloster Insel Reichenau, das vor gut 1200 Jahren die Kultur des Abendlandes mitgestaltete, berichtet in seiner Geschichte folgendes: "Im Jahre 1108 bestätigte der rechtliche Vertreter von Papst Pachalis II, ein Kardinal Divizo, daß die hier wohnenden Männer den Auftrag haben, das Kloster und die Einwohnerschaft vor Angriffen von außen mit der Waffe zu schützen und auf der Insel für Ordnung zu sorgen." Die Bestätigung dieses Zustands durch den Kardinal beweist, dass ein altes Recht neue Bestätigung erfuhr, die Wehr somit schon länger Bestand haben mußte.

Weitere urkundliche Nachweise stammen aus dem 15. Jahrhundert, wonach sich Reichenauer Bürger auf eigene Faust militärisch organisiert hatten. Eine Feuerwehrordnung des Klosters, die vom Abt zwischen 1530 und 1540 erlassen wurde, besagt u.a., dass im Brandfalle sich jeder Bürger mit Gewehr beim Hauptmann auf der Ergat einzufinden habe.

Der erste bildliche Nachweis über das Bestehen einer Wehr ist aus einem Bild am linken Seitenflügel des Maria und Markus Münsters ersichtlich. Gezeigt wird hier die feierliche Prozession zur Rückkehr der Heilig Blutreliquie 1738 auf die Insel Reichenau. Der Chronist schreibt darüber: "Die Prozession, begleitet von Musik, fürstlichem Militär und einer Garde von Reichenau durchzog unter dem Donner der Geschütze bereits die ganze Insel...". Dies ist im übrigen auch eine der ersten Erwähnungen der Reichenauer Bürgermusik. Ein Eintrag im Generallandesarchiv Karlsruhe berichtet, daß am 18.08.1757 auf der Reichenau 250 Mann unter Gewehr Ehrenspalier standen beim Huldigungstag durch den Kardinalspriester Conrad von Rodt, damaliger Konstanzer Bischof.

Im Krieg mit Frankreich 1798-1800 mussten sämtliche Gewehre ins Zeughaus nach Meersburg abgeliefert werden. Eine Reglementierung aus dieser Zeit besagt, dass jeder Reichenauer Bürger bei seiner Verheiratung die Pflicht hatte, der Bürgerwehr eine "Flinte" zu stellen. Als die Zahl der benötigten Flinten erreicht war, musste jeder verheiratete Bürger jährlich 5 Gulden in diese "Flintenkasse" einzahlen. Diese Stiftung von 1770 besteht heute noch als Sondervermögen der Gemeindekasse. Der jährliche Haushalt der Gemeinde legt einen gewissen Betrag für diese "Flintenkasse" fest, um den Unterhalt der Bürgerwehr zu finanzieren.

Nach einer Erhebung vom Oktober 1830 bestanden im Land an 87 Orten Bürgerwehren mit zusammen 6388 Mann, davon im Seekreis Konstanz an 32 Orten, wobei die Reichenau mit 40 Mann Infanterie vermerkt ist. Am 23.05.1834 erließ das Erzbischöfliche Ordinariat besondere Vorschriften über die Beteiligung der Bürgerwehren an kirchlichen Festen. Der letzte "Kriegseinsatz" erfolgte bei der Revolution im Jahre 1849, als die Reste der badischen Revolutionsarmee über den Damm wollten. Dr.Gideon Spicker berichtet, dass die Reichenauer mit ihren Gewehren, mit Sensen, Gabeln und Äxten zum Bruckgraben eilten, der eilends abgebrochen wurde. Die Reste der Armee zog wegen des Widerstands nach Konstanz, um von dort über die Grenze in die Schweiz zu flüchten.

Alle Wehren wurden 1849 entwaffnet, weil sie sich der Revolution angeschlossen hatten. Die Reichenau erhielt neben anderen von Großherzog Leopold jedoch das Recht, weiter Waffen zu tragen, weil sie regierungstreu geblieben war. Außerdem wurde 1890 der Bürgerwehr Reichenau durch Großherzog Friedrich als Dank für ihre loyale Haltung eine Fahne mit dem badischen Wappen geschenkt. Diese Fahne wurde 1957 erneuert und wird heute noch bei jedem Ausrücken an Festtagen vom Bürgermeister an die Wehr unter den Klängen des Präsentiermarsches der Bürgermusik übergeben. Bis 1870 wurde die "Österreichische Uniform" in den österreichischen Landesfarben rot/weiß mit dem reichenauer Wappen auf dem Tschako (Kopfbedeckung) getragen. Diese Uniform mußte nach 1548 entstanden sein, da Konstanz, der ganze Bodensee und weite Teile Süddeutschlands in diesem Jahr unter die Regentschaft der Habsburger fiel.

Am 12.05.1881 erhielt die Bürgerwehr neue Statuten. Enthalten darin war eine Höchststärke von 60 Mann. Der Zweck der Wehr sollte die Begleitung der weltlichen und kirchlichen Feste der Insel Reichenau durch Paraden sein. Weiter sollte den Mitgliedern und Veteranen aus den Kriegen eine ehrenvolle Bestattung zuteil werden. Tatsache ist, daß zur Bestattung von Kriegsteilnehmern von 1870/71 die Wehr ausrückte, am Grab die Bürgermusik das Lied vom "Guten Kameraden" zum Abschied spielte. Dieser Brauch wird auch heute noch für Mitglieder der Bürgerwehr fortgeführt.

Der erste auswärtige Besuch erfolgte 1898 in Mengen. Interessant dabei ist, dass man die Genehmigung des Bezirkamtes benötigte, weil man mit der badischen Fahne ins königliche Württemberg (Schwoabäländle) wollte.

Zur 1200-Jahrfeier der Klostergründung 1924, wurde die Wehr neu erstellt und rückte erstmals wieder in "Österreichischer Uniform" aus, die dazwischen mal durch die preussische Dragoneruniform ersetzt worden war. Ab diesem Zeitpunkt wurde von der Wehr nicht mehr geschossen. Bedingt durch den 2. Weltkrieg, wurde die Tradition 1941 erneut unterbrochen. Nach Kriegsende gingen die meisten Uniformen und Ausrüstungsstücke verloren. Die Bevölkerung musste innerhalb weniger Stunden die Insel verlassen, da ehemalige KZ-Häftlinge auf die Insel zur Erholung kamen. Das erneute Einkleiden fand nach 1950 statt, so dass die historische Bürgerwehr erstmalig am 09.06.1952 am Heilig Blutfest wieder ausrückte.

Aus der neueren Zeit ist erwähnenswert: Parade am 22.05.1965 vor der englischen Königin Elisabeth II und Ihrem Gemahl Prinz Philipp in Salem, Parade vor dem irischen Staatspräsident Sir Patr. Hillery 1984 und dem chinesichen Ministerpräsident Zhao Ziyang 1985.

Die Bürgerwehr Insel Reichenau umfasst z.Zt in etwa 130 Mann. Sie rückt nur noch an dem kirchlichen Inselfeiertagen "Fest des heiligen Markus" (25. April), "Heilig Blutfest" (Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag) und an "Mariä Himmelfahrt" (15. August), außerdem an Fronleichnam, aus. Die "Historische Bürgerwehr" trägt somit zur Erhaltung der Tradition und des Brauchtums unserer Insel, also auch zur Ernennung der Insel Reichenau zum UNESCO-Weltkulturerbe bei.

Quelle: <Chronik der Bürgerwehr der Insel Reichenau> Josef Blum (ehemaliger Oberleutnant) Dezember 1996